Nichts ist so flüchtig wie Stimmungen. Als Napoleon 1815 von seinem Verbannungsort, der Insel Elba, floh, um für 100 Tage an die Macht zurückzukehren, schrieben die Pariser Zeitungen: “Das korsische Ungeheuer ist in der Bucht von Juan gelandet.” Und “Der Menschenfresser marschiert nach Grasse.” Doch je näher der Verfemte Paris rückte, desto gedämpfter wurde der Ton der Zeitungen. “Bonaparte hat Lyon genommen.” Oder: “Napoleon nähert sich Fontainebleau.” Kurz vor seinem Einzug in die französische Metropole jubelten die Gazetten schließlich: “Seine Kaiserliche Majestät wird morgen von seinem treuen Paris erwartet.”
Ähnliches lässt sich in diesen Tagen der Krise im Verhältnis der Österreicher zu ihrem absoluten Stiefkind beobachten, der hierzulande habituell ungeliebten Europäischen Union: Noch vor kurzem Prügelknabe für alles und jedes, an dem sich vom rechten Rabauken über den Dinkelspelzen verzehrenden Veganer bis hin zum linken Globalisierungsgegner jedermann zollfrei abarbeiten konnte, scheint sie in den letzten Wochen wieder an Ansehen gewonnen zu haben. Das von Demagogen zum Popanz aufgeblasene Zerrbild vom Demokratie verachtenden Kraken, der mit seinen Tentakeln Europa im bürokratischen Würgegriff hält, verblasst angesichts des Unwetters, das sich am Horizont unheilvoll zusammenbraut.
Keine Frage, die EU hat gewaltige Defizite. Aber nach Langem tritt jetzt endlich wieder einmal das Positive an ihr in den Vordergrund. Man ist froh dazuzugehören und blickt mitleidig auf das vor kurzem noch so reiche Island, wo aufgebrachte Bürger mittlerweile sogar die Banken stürmen.
